| Autor |
Nachricht |
Zweitaktfan Gast
|
Zweitaktfan Verfasst am: 09. Jan 2026 07:59 Titel: Energiegewinnung aus der Nullpunktenergie |
|
|
Meine Frage:
Hallo,
ich habe eben folgendes Video auf YouTube gefunden:
m.youtube.com/watch?v=2tGRhTXKh8A
In diesem Video wird behauptet, man könnte aus der Nullpunktenergie nutzbare Enegie gewinnen, und das im brauchbaren Maßstab. Ich frage mich, ob dies eine realistische Idee ist, oder einfach Unsinn. Unsinn möchte ich dem Mann, der das Video erstellt hat aber nicht pauschal unterstellen, da er anscheinend Prof. für Elektrotechnik ist. Auf der anderen Seite frage ich mich,warum man das ganze nicht einfach realisiert, wenn es doch angeblich funktionieren würde.
Kann mir ein Physiker hier vielleicht weiterhelfen und mal seine Meinung dazu äußern?
Meine Ideen:
Nach meiner Auffassung müsste der zweite Hauptsatz der Thermodynamik eigentlich solch einem Vorhaben widersprechen. Oder übersehe ich da etwas? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 09. Jan 2026 11:13 Titel: |
|
|
Wenn man die Nullpunktsenergie anzapfen könnte, dann müsste diese - um den lokalen Energieerhaltungssatz nicht zu verletzen - sich verringern und aus der Umgebung sozusagen wieder aufgefüllt werden.
Solange aber in den Veröffentlichungen keine konkreten Rechnungen präsentiert werden, kann man auch nicht sagen, wo genau was falsch ist. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
Zweitaktfan Gast
|
Zweitaktfan Verfasst am: 09. Jan 2026 13:21 Titel: |
|
|
Ich habe nochmal gegoogelt, aber so wirklich finde ich keine konkreten Rechnungen dazu.
Auf dieser Seite wird allerdings umfangreichend dargestellt, wie es funktionieren soll:
lenr.wiki/index.php?title=Die_Energie_aus_dem_Ecat_SKLep
lenr.wiki/index.php?title=Zero-Point_Energy:_Capturing_Evanescence
Irgendwie klingt es für mich nicht seriös, denn ansonsten würde so eine Möglichkeit einfach genutzt werden. Da sehe ich eher denjenigen, der behauptet, es würde funktionieren, in der Nachweispflicht.
Oder was sagen die Physiker hier zu den auf der Seite vorgestellten Verfahren? |
|
 |
Zweitaktfan Gast
|
Zweitaktfan Verfasst am: 09. Jan 2026 17:19 Titel: |
|
|
Ich habe eben nochmal etwas geschaut....wenn man Nullpunktenergie im Internet sucht, ist jede Menge esoterischer Blödsinn dabei.....das ganze scheint wohl Dauerthema zu sein....
Trotzdem fände ich es interessant, ob die in dem Video vorgestellte Technik völlig an der Physik vorbei geht oder doch seriös sein könnte.
Ach ja, in einem Kommentar zu Verletzung des zweiten Hauptsatzes habe ich gelesen, dass der zweite Hauptsatz unter bestimmten Voraussetzungen auch in der nichtlinearen Optik verletzt werden würde.
Weiß jemand was dazu? |
|
 |
Kazimir Gast
|
Kazimir Verfasst am: 09. Jan 2026 22:48 Titel: |
|
|
|
Wie soll das denn ablaufen, der Casimir Effekt wird also genutzt also die Anziehung von Platten die sehr nah beieinander sind. Super das funktioniert dann also genau einmal danach muss ja Energie aufwenden um die Platten wieder auseinanderzu bekommen als wie man daraus dauert Energie gewinnen will ist mir schleierhaft. |
|
 |
Zweitaktfan Gast
|
Zweitaktfan Verfasst am: 10. Jan 2026 07:47 Titel: |
|
|
Das habe ich mich auch gefragt....
Hier in dem Link sind die Effekte, die sie nutzen wollen, genau beschrieben:
lenr.wiki/index.php?title=Zero-Point_Energy:_Capturing_Evanescence
Ich kenne mich leider zu wenig mit Teilchenphysik aus, um es zu bestätigen oder zu widersprechen. Falls hier mal jemand drüber liest, teilt mal bitte euer Fazit mit, mich würde es interessieren! Irgendwie kann ich mir halt nicht vorstellen, dass es funktioniert (Verstoß gegen die Hauptsätze der Thermodynamik), denn ansonsten hätten wir ja keine Energieprobleme mehr auf der Welt...
Ach ja, dort wurde auch beschrieben, man könne aus virtuellen Fluktuationen reale Photonen erzeugen. Stimmt das? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 10. Jan 2026 11:24 Titel: |
|
|
Die Einführung der Nullpunktsenergie ist zunächst im wesentlichen ok. Dass die Regularisierung des zunächst unendlichen Ausdrucks nicht mal ansatzweise diskutiert wird, hielt ich sofort für seltsam, aber es geht ja noch weiter …
Insgs. ist die Darstellung nicht nur für Laien, sondern auch von Laien geschrieben "… wenn die Energie der Fluktuation auf extrem schnelle Weise eingefangen werden könnte, so dass sie nicht wieder zurückgegeben werden kann …". Das gilt insbs. für den Abschnitt über virtuelle Teilchen; wenn das der Kerngedanke ist, dann wäre hier eine Rechnung angebracht – einfach mal nach arxiv casimir geometry googeln. Aber der Autor kann offensichtlich nicht rechnen, und er kann aus den vielen zitierten Arbeiten auch nicht die für ihn relevanten Gleichungen nennen.
Mit Bauelementen kenne ich mich nicht aus. Was jedoch auffällt ist, dass nur eine grobe Idee dargestellt wird, jedoch kein praktischer Aufbau, anhand dessen tatsächlich nachgewiesen wurde, dass überhaupt ein Energietransport oder gar eine Energiegewinnung stattfindet. Es gibt keine Messmethoden, keine Diagramme und Kurven, keine systematischen und keine Messfehler …
Ich habe mal stichprobenartig ein paar der Quellen überprüft, die es nach einem Peer Review in ein Fachzeitschrift geschafft haben. Diese diskutieren sehr wohl messbare Effekte auf Tunnelströme, aber keine Energiegewinnung. " Dieses Funktionsmodell ist bestenfalls hypothetisch zu nennen und bei weitem nicht stringent. Hingegen wurde ein strenges Quantenmodell (Ford, 2022) vorgeschlagen, um den Anstieg der Leitfähigkeit zu erklären, der sich infolge eines angrenzenden Casimir-Hohlraumes (Moddel, 2021b) einstellt – das die beobachtete Energieerzeugung jedoch nicht zu erklären vermag.". Genau.
Die Diskussion der Entropie verstehe ich nicht. Ist das nur ein Strohmann? Niemand hat je ernsthaft die Frage gestellt, ob Quanteneffekte (Photostrom, Tunnelstrom, Superstrom …) aufgrund des zweiten Hauptsatzes verboten sein könnten, sondern man hat immer anhand einfacher Modelle für T = 0 das Prinzip diskutiert. Wenn für reine Quantenzustände ein Effekt vorhergesagt wird, dann verletzt das den zweiten Hauptsatz trivialerweise nicht, weil man überhaupt kein thermodynamisches System betrachtet, für den er relevant wäre; für T > 0 würde man natürlich eine Temperaturabhängigkeit finden. Findet man für T = 0 keinen Effekt, dann ist der Kerngedankte, es handele sich um einen Effekt der Nullpunktsenergie aber offenbar falsch.
" Die NPE ist fester Bestandteil der Quantenmechanik, was zu der beunruhigenden Vorstellung führt, dass die Menge an NPE in einem geschlossenen System gleich bliebe, auch wenn man diesem System NPE entnehmen würde. "Nee. Derartige Sätze führen eher auf die beunruhigenden Vorstellung, dass der Autor die elementare Logik und Physik nicht verstanden hat, derzufolge ein geschlossenes System dadurch definiert ist, dass nichts die Systemgrenze überquert. "Ich streite ständig mit mir selbst und mit jedem, der sich einbringt, darüber, ob die zu beobachtende Energieerzeugung auf die NPE zurückzuführen ist oder ob es da noch eine andere Quelle gibt." Das klingt eher nach einem Hilferuf.
Meine Zusammenfassung ist, dass da jemand etwas gebaut hat oder das zumindest behauptet, einen Effekt sieht oder sich einbildet, was er nicht erklären kann, sich daraufhin bei Physik bedient, die er nur ansatzweise versteht, und um Unterstützung für die Idee wirbt, letzteres könne etwas mit ersterem zu tun haben.
Da der präzise Aufbau nicht dargestellt wird, kann niemand dafür ein einfaches mathematisches Modell im Rahmen der QED entwickeln. Nach Pauli ist das alles also noch nicht einmal falsch. |
|
 |
Zweitaktfan Gast
|
Zweitaktfan Verfasst am: 10. Jan 2026 13:08 Titel: |
|
|
Vielen dank für deine ausführliche Einschätzung.
Mich ärgert es persönlich sehr, dass so etwas im Netz publiziert wird, als sei es etabliertes Wissen. Es ist somit eigentlich Zeitverschwendung, sich damit zu befassen.
Deshalb nochmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um das ganze mal unter die Lupe zu nehmen.
Eine Frage hätte ich noch: in dem Text wurde auch beschrieben, man könne aus virtuellen Fluktuationen reale Photonen erzeugen. Ist da was dran? Ich dachte eigentlich immer, die virtuellen Fluktuationen seien ein mathematisches Objekt. |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 10. Jan 2026 15:14 Titel: |
|
|
| Zweitaktfan hat Folgendes geschrieben: | | Mich ärgert es persönlich sehr, dass so etwas im Netz publiziert wird, als sei es etabliertes Wissen. |
Ganz so wird das nicht dargestellt, man kann schon Selbstzweifel erkennen. Aber ich mag hier keine Küchenpsychologie betreiben.
| Zweitaktfan hat Folgendes geschrieben: | | Es ist somit eigentlich Zeitverschwendung, sich damit zu befassen. |
Ich werde jedenfalls nicht zig Quellen durchsehen und bewerten 😉
| Zweitaktfan hat Folgendes geschrieben: | | Deshalb nochmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, um das ganze mal unter die Lupe zu nehmen. |
Gerne.
Ich habe ja eher methodisch als inhaltlich argumentiert. Man könnte eine Liste von Fragen stellen, die zu beantworten wären, bevor man selbst weiter argumentiert. Ich bezweifle jedoch, dass dabei was vernünftiges rauskommt.
| Zweitaktfan hat Folgendes geschrieben: | | Eine Frage hätte ich noch: in dem Text wurde auch beschrieben, man könne aus virtuellen Fluktuationen reale Photonen erzeugen. Ist da was dran? Ich dachte eigentlich immer, die virtuellen Fluktuationen seien ein mathematisches Objekt. |
Um dazu was zu sagen, müsste die Aussage präzisiert werden.
Beispiel: Betrachte Elektron-Positron-Paarvernichtung. Die beiden auslaufenden Photonen bezeichnen wir als reelle Photonen. Berücksichtigt man Prozesse höherer Ordnung, so haben wir interne Linien in den Feynman-Diagrammen – virtuelle Photonen – jedoch wiederum zwei auslaufende reelle Photonen; diese gehen also aus virtuellen Photonen hervor. Berücksichtigt man zudem die Absorption der Photonen in einem Detektor, so sind die auslaufenden Photonen interne Linien – also virtuelle Photonen.
Im hier relevanten Kontext ist die Frage schlicht irrelevant. Es geht nicht um eine spezielle mathematische Methode zur Lösung eines Problems, sondern zunächst um die physikalische Präzisierung desselben. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
TechnikFan
Anmeldungsdatum: 05.11.2024 Beiträge: 251
|
TechnikFan Verfasst am: 10. Jan 2026 16:56 Titel: |
|
|
Hier noch ein paar ergänzende Anmerkungen eines Elektrotechnikers.
Es ist schon verwunderlich, dass es mehrere Jahre nach der Entdeckung dieses "Effektes" noch keinen funktionierenden Prototyp gibt, der zumindest das Tausendfache der "gemessenen Leistung" von 1,4 pW abgibt. Das wäre zwar immer noch unterhalb einer technisch nutzbaren Energiequelle, würde aber zumindest die Skalierbarkeit bestätigen.
Da ich keine Schaltpläne oder Skizzen des Messaufbaus gefunden habe und die gemessen Großen sehr klein sind, gehe ich von einem Messfehler aus.
Da das Messobjekt Dioden-Charakter hat, vermute ich Messfehler durch EMV-Störungen. Der Hinweis, dass das Messobjekt in eine u-Metall-Box und/oder in eine Alu-Box gepackt wurde, reicht nicht aus. Dies bringt gar nichts, wenn man die angeschlossenen Messkabel nicht aufwendig EMV-filtert.
Dass es mit der Vergrößerung der Energiequelle nicht geklappt hat, mag daran liegen, dass der parasitäre Kondensator, parallel zu der Diode, die Gleichrichterwirkung für die hochfrequenten EMV-Störungssignale behindert.
Außerdem ist verwunderlich, dass noch kein unabhängiger Wissenschaftler die Messung dieses Effektes bestätigt hat. Es könnte aber auch sein, dass Wissenschaftler bei der Widerlegung des zweiten Gesetzes der Thermodynamik etwas unmotiviert sind ;-)
Zuletzt bearbeitet von TechnikFan am 10. Jan 2026 17:22, insgesamt einmal bearbeitet |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 10. Jan 2026 17:21 Titel: |
|
|
Der Punkt ist, dass noch nicht mal das Prinzip klar beschrieben ist. Schau' zum Vergleich mal andere Artikel zu Messungen im Umfeld Casimir-Effekt an: präzise Idee, Theorie, Aufbau, Messergebnisse, Diskussion. Hier aber nur diverse vage Idee. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
TechnikFan
Anmeldungsdatum: 05.11.2024 Beiträge: 251
|
TechnikFan Verfasst am: 10. Jan 2026 17:30 Titel: |
|
|
|
Ich stimme dir voll zu und wollte nur eine mögliche Erklärung liefern, wie es zu solchen Messwerten kommen kann. Denn die hat der Professor in Amerika offensichtlich abgelesen. |
|
 |
Kazimir Gast
|
Kazimir Verfasst am: 10. Jan 2026 22:55 Titel: |
|
|
Braucht man dafür wirklich Berechnungen, Messwerte ?
Ist doch eigentlich klar das es nicht funktionieren kann. |
|
 |
Aruna
Anmeldungsdatum: 28.07.2021 Beiträge: 1609
|
Aruna Verfasst am: 11. Jan 2026 00:18 Titel: |
|
|
| TechnikFan hat Folgendes geschrieben: |
Außerdem ist verwunderlich, dass noch kein unabhängiger Wissenschaftler die Messung dieses Effektes bestätigt hat.
|
wurde das denn in anerkannten wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht? |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 02. Feb 2026 19:12 Titel: |
|
|
Hallo ihr Physiker!
Ich hätte mal eine Frage, die den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik betrifft. Ich denke, dass passt ganz gut in das Thema hier.
Inwiefern ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik noch in Stein gemeißelt?
Bisher hat ja, zumindest soweit ich das sehe, noch nie jemand ein Perpetuum Mobile zweiter Art gebaut. Allerdings wird auch immer wieder behauptet, dass es Experimente gäbe, die gegen den zweiten Hauptsatz verstoßen würden.
Z.B.:
youtube.com/watch?v=FP0VjeRap04
Der Physiker dieses Videos ist auch einer der Autoren dieses Buches:
link.springer.com/book/10.1007/1-4020-3016-9
Auch hier :mdpi.com/1099-4300/6/1/1 gewinne ich zumindest den Eindruck, dass es anscheinend Versuche geben würde, die gegen den zweiten Hauptsatz verstoßen.
Was konnt ihr dazu sagen? Ist der zweite Hauptsatz noch ein starkes Fundament der Thermodynamik? |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 03. Feb 2026 18:50 Titel: |
|
|
|
Niemand hier, der sich gut in Thermodynamik auskennt? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 03. Feb 2026 20:46 Titel: |
|
|
Vielen Dank für den Input!
Auch die Links deuten ja alle darauf hin, dass es sich wohl wirklich um eine kleine, nach außen aus guten Gründen nicht ernst genommene Blase, handelt. |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 03. Feb 2026 20:49 Titel: |
|
|
👍 _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 04. Feb 2026 07:16 Titel: |
|
|
Ach ja, eine Frage will ich gleich noch loswerden.
Ich lese manchmal, dass die Entropie bzw auch der zweite Hauptsatz nur für Gleichgewichtszustände definiert sind. Ist dies wirklich so?
Ich zitiere z.B. mal eine Seite der Uni Kiel (web.tf.uni-kiel.de/matwis/amat/mw1_ge/kap_5/advanced/t5_2_1.html):
". Zunehmende Entropie gibt es aber eigentlich gar nicht.
Entropie ist eigentlich in voller Schärfe nur für das thermodynamische Gleichgewicht (TD GG) definiert. Die Entropie von Systemen, die nicht im TD GG sind, ist erst mal nicht klar definiert.
Im TD GG gibt es aber gar keine Zeit mehr! Nichts ändert sich mehr, und deshalb kommt die Zeit als Variable auch nirgendwo mehr vor.
Hier liegt offenbar ein kleines Paradoxon! Es ist zwar weitgehend durch die Nichtgleichgewichts-Thermodynamik gelöst, aber ein Rest zum Philosophieren bleibt dennoch."
Haben wir hier wirklich ein Paradoxon? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 04. Feb 2026 08:23 Titel: |
|
|
Nee.
In der Gleichgewichtsthermodynamik betrachtet man keine echte Dynamik zwischedn Zuständen, sondern adiabatische Zustandsänderungen zwischen Zuständen unterschiedlicher Zustandsgrößen. Das ist natürlich künstlich, aber dabei darf sich eben auch die Entropie ändern. Die Abhängigkeit von der "Zeit" t folgt dabei keiner Dynamik (im Sinne einer Bewegungsgleichung); t ist sozusagen ein künstlicher Parameter. |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 04. Feb 2026 08:38 Titel: |
|
|
Sicher, dass es in der Gleichgewichtsthermodynamik nur um adiabate Zustandsänderungen geht? Man behandelt doch auch z.T. offene Systeme.
Wie sieht es mit der Entropie und dem zweiten Hauptsatz für Systeme aus, die sich nicht im Gleichgewicht befinden? Sind dort Entropie und zweiter Hauptsatz noch gültig und definiert? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 04. Feb 2026 10:06 Titel: |
|
|
Die Situation ist komplizierter (und jenseits meines Kern-Know-Hows)
Startet man mit einem abgeschlossenen System im Rahmen der Quantenmechanik, so gilt gemäß von Neumann für einen beliebigen (auch gemischten) Zustand *
sowie für dessen Entropie
Diese Entropie eines abgeschlossenen Systems ist also immer erhalten; das ist ein unumstößliches Theorem in der Quantenmechanik.
Betrachtet man nun jedoch den reduzierten Dichteoperator eines offenen Subsystem S, indem man die Umgebung ** E ausspurt
so gilt für diesen keine unitäre Dynamik.
Entspricht die Umgebung E einem thermischen Bad im Gleichgewicht, so kann man zeigen, dass das Subsystem S in einen entsprechenden stationären Zustand übergeht, und dass für den Prozess
gilt.
Das entspricht dem zweiten Hauptsatz als Theorem.
Man kann das durchaus verallgemeinern, aber m.W.n. gibt es keinen fundamentalen zweiten Hauptsatz, immer nur für bestimmte Klassen von Problemen.
* rho ist ein Dichteoperator, wobei im Falle eines reinen Zustandes gilt
** Umgebung kann, muss dabei nicht geometrisch verstanden werden. Betrachtet man z.B. Atome in einem Potential, so könnte man als Umgebung thermische Photonen betrachten, die den ganzen Raum durchdrinmgen und mit den Atomen wechselwirken. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 04. Feb 2026 11:40 Titel: |
|
|
Vielen Dank für deine Erläuterung. Also kann man sagen, dass der zweite Hauptsatz quasi für jede Disziplin (Gleichgewicht, Nichtgleichgewicht, Quantenmechanik) immer neu definiert wird, die Kernaussagen allerdings miteinander übereinstimmen?
Ach ja, noch eine Frage. Ich habe mal gelesen, Prigogines Nichtgleichgewichtsthermodynamik würde begründen, dass die klassische Physik immer nur im oder sehr nahe des thermischen Gleichgewichts funktionieren würde. Stimmt das?
Denn in welchem Zustand sich ein Körper befindet, ist ja z.B. in der klassischen Mechanik völlig irrelevant, bei Newton wurde doch nie nach solch etwas gefragt...
Außerdem lese ich immer wieder, dass Prigogines Theorien zum Nichtgleichgewicht die ganze Physik auf den Kopf gestellt hätte und sogar jede Menge andere Disziplin (Wirtschaftswissenschaft, Sozialwissenschaft usw.) davon profitieren würden bzw sich an seiner Theorie orientieren würden. Außerdem hätte er bewiesen, dass die gesamte Physik nicht deterministisch, sondern stochastisch sei...
Zudem stellt er drei Paradoxon auf, die angeblich ein Problem für die Physik seien (wikipedia.org/wiki/Ilya_Prigogine Abschnitt "Paradoxon der Zeit"). Sind diese drei Paradoxon wirklich überhaupt welche und stellen sie überhaupt ein Problem für die Physik dar?
Was hältst du von solchen Aussagen? Ich würde dir gerne die anderen Quellen nennen, finde sie aber gerade nicht mehr....
Für mich klingt so etwas nach völliger Übertreibung. Sicherlich wurde damals viel für Physik und Chemie geleistet, aber eine Revolution des Ganzen oder eine Widerlegung des Determinismus sehe ich nicht. Was denkst du? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 04. Feb 2026 12:07 Titel: |
|
|
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Vielen Dank für deine Erläuterung. Also kann man sagen, dass der zweite Hauptsatz quasi für jede Disziplin (Gleichgewicht, Nichtgleichgewicht, Quantenmechanik) immer neu definiert wird, die Kernaussagen allerdings miteinander übereinstimmen? |
Quantenmechanik reicht, alles weitere wären Spezialfälle (Nichtgleichgewichtsprozesse folgen einfach aus den Anfangsbedingungen)
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Ach ja, noch eine Frage. Ich habe mal gelesen, Prigogines Nichtgleichgewichtsthermodynamik würde begründen, dass die klassische Physik immer nur im oder sehr nahe des thermischen Gleichgewichts funktionieren würde. Stimmt das? |
Ich glaube, ich verstehe die Frage nicht.
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Außerdem hätte er bewiesen, dass die gesamte Physik nicht deterministisch, sondern stochastisch sei... |
Wie genau soll dieser Beweis aussehen?
Aus der von mir o.g. Skizze folgt mittels einer fundamentalen deterministischen Dynamik eine effektiv stochastische Dynamik für Subsysteme. Das ist schon beim klassischen Chaos der Fall.
Lass uns erst mal das diskutieren. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.
Zuletzt bearbeitet von TomS am 04. Feb 2026 22:37, insgesamt einmal bearbeitet |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 04. Feb 2026 12:57 Titel: |
|
|
| Zitat: | Hochseeangler hat Folgendes geschrieben:
Ach ja, noch eine Frage. Ich habe mal gelesen, Prigogines Nichtgleichgewichtsthermodynamik würde begründen, dass die klassische Physik immer nur im oder sehr nahe des thermischen Gleichgewichts funktionieren würde. Stimmt das?
Ich glaube, ich verstehe die Frage nicht. |
Ich verstehe es ja auch nicht. Wenn ich zB berechnen will, mit welcher Kraft ein Körper in einen anderen einschlägt und wie stark er diesen dabei verformt, dann benötige ich dafür kein Wissen, ob sich der Körper im Gleichgewicht oder Nichtgleichgewicht befindet.
Und ja, wie sich klassische Chaos entwickelt ist mir bewusst, bzw. dass es theoretisch determiniert ist, praktisch aber stochastisch auf Grund der sensiblen Anfangsbedingungen.
Hast du schon mal was von den erwähnten drei Paradoxon gehört? Sind sie irgendwie relevant oder problematisch für die Physik? |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 04. Feb 2026 20:52 Titel: |
|
|
|
Verstehst du, was ich meine? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 04. Feb 2026 23:12 Titel: |
|
|
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Hast du schon mal was von den erwähnten drei Paradoxa gehört? Sind sie irgendwie relevant oder problematisch für die Physik? |
Ja, und ja.
Das Zeitparadoxon ist nach meinem Verständnis die Entstehung irreversibler Prozesse ausgehend von fundamental reversiblen Naturgesetzen. Dessen ist sich die Physik bewusst, und es gibt darauf nur unvollständige Antworten. Oft wird das Problem in die Anfangsbedingungen verschoben, wobei aus fast exakt symmetrischen und homogenen zunehmenden inhomogene, chaotische etc. Zustände entstehen; das ist sicher keine vollständige Lösung. Leider liest man im Umfeld der kosmischen Inflation immer wieder, diese löse derartige Probleme; das ist leider in verschiedener Hinsicht Unsinn.
Das Quantenparadoxon bezeichnet man in der Quantenmechanik als Messproblem, und ja, es ist ungelöst. Ich bin – zusammen mit nicht wenigen anderen – der Meinung, dass die Einführung eines subjektives Elementes in den Axiomen und Interpretationen ein historischer Fehler war, und dass man darauf verzichten kann. Dass ein Mensch auf sich selbst eine subjektive Sicht hat, erfordert natürlich nicht, dass diese subjektive Sicht eine fundamentale Rolle spielt. Es handelt sich um unser zentrales erkenntnistheoretisches Problem, das man nicht dadurch los wird, indem man es zu einem Problem der Natur macht.
Das kosmologische Paradoxon, dass es in der Zeitauffassung der Physik keine Ereignisse gäbe, ist m.E. ein Scheinproblem. Es resultiert aus der Tatsache, dass wir ausschließlich einfache Systeme plus einen künstlichen Zeitparameter betrachten, wobei wir die Prozesse in ersteren auf letzteren beziehen. Könnte man Prozesse direkt auf Prozesse beziehen, wäre der künstlichen Zeitparameter überflüssig. Für sehr einfache Systemen können wir das, d.h. wir verstehen,
wie Größen entstehen, die die Rolle einer Zeit spielen und bzgl. derer wir die Dynamik anderer Subsysteme betrachten können.
Evtl. verstehe ich aber auch etwas falsch; ich muss wohl man die Originalquellen lesen. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago.
Zuletzt bearbeitet von TomS am 05. Feb 2026 07:05, insgesamt einmal bearbeitet |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 05. Feb 2026 07:05 Titel: |
|
|
Okay,
also das Messproblem akzeptiere ich als reales Problem. Aber auch hier habe ich die Hoffnung, dass es irgendwann gelöst wird. Vielleicht ist ja auch die Quantenmechanik gar nicht das Ende der Fahnenstange und bei einer neuen Theorie wird klar, warum entsprechende Probleme eigentlich keine Probleme sind? Wäre schön...
Das kosmologische Paradoxon ist für mich auch keins. Warum soll es keine Ereignisse geben, wenn man Prozesse auf eine Zeitskalar bezieht und nicht auf Prozesse? Das erschließt sich mir nicht.
Das Zeitparadoxon mag zwar ein Problem sein, aber so richtig sehe ich eigentlich keines, wenn man den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ernst nimmt. Klar, kommt dann natürlich die Frage nach den Anfangsbedingungen...
Ich finde es nun schwierig, wie die drei Probleme mit der Nichtgleichgewichtsthermodynamik dissipativer Strukturen gelöst werden sollen (hab ich mal in dem Kontext gelesen, dass diese dies zu leisten vermag). Das sehe ich in allen drei Punkten nicht, auch nicht beim Zeitparadoxon, da ja es ja hier um Anfangs- und Randbedingungen geht.
Und beim kosmologischen Paradoxon sehe ich wie gesagt noch nicht mal das Problem....oder habe ich ein Brett vorm Kopf? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 05. Feb 2026 07:45 Titel: |
|
|
Beim Messproblem bin ich ebenfalls zuversichtlich. Tatsächlich besteht das größte Problem darin, sich von diversen Vorurteilen und Missverständnissen der Kopenhagener Interpretation zu befreien und das Problem als ganz normale physikalische Fragestellung aufzufassen: wie beschreibe ich den Messprozess quantenmechanisch? Die Frage hat Bohr ja gerade zu dogmatisch verboten verbieten wollen, und das wirkt bis heute nach.
Das kosmologische Problem würde ich als "Problem der Zeit" im Rahmen der Gravitation bzw. Quantengravitation bezeichnen. Formuliert man diese im Hamiltonschen Formalismus, so erwartet man für letztere eine Art Schrödinger-Gleichung
Nun ist die Theorie jedoch invariant bzgl. allgemeiner Koordinatentransformationen. D.h. man kann die Raumzeit beliebig in raumartige Hyperflächen schneiden, die Richtung senkrecht dazu entspricht einer Zeitkoordinate. Im Gegensatz zu den einfachen Minkowski-Diagrammen muss die Raumachse dabei nicht einer Geraden entsprechen, man kann ihre (in drei Dimensionen drei) Richtung(en) je Punkt beliebig festlegen, solange die Richtungen raumartig sind und die gesamte Raumzeit sozusagen in einen Stapel glatt und dicht aufeinanderfolgenden raumartiger Hyperflächen zerschnitten wird (ADM-Formalismus). D.h. es gibt nicht eine Zeit t und nicht einen Hamiltonian H sondern jeweils unendlich viele, die untereinander mittels lokaler Koordinatentransformationen verbunden sind. Der Hamiltonian H bzw. die Schrödinger-Gleichung beschreiben dann die infinitesimale Zeitentwicklung des Quantenzustandes psi senkrecht zu einer raumartigen Hyperfläche. Eliminiert man nun die Freiheit der Koordinatenwahl (mathematisch entspricht das einer Eichfixierung), so reduziert sich die Schrödinger-Gleichung auf die Wheeler-deWitt-Gleichung der Quantengravitation
D.h. die letztlich unphysikalischen Zeitkoordinaten t sind verschwunden; es gibt keine Zeitentwicklungsoperators mehr, psi ist statisch. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 05. Feb 2026 08:59 Titel: |
|
|
|
Das würde dann in Konsequenz was bedeuten, wenn psi statisch ist? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 05. Feb 2026 10:29 Titel: |
|
|
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Das würde dann in Konsequenz was bedeuten, wenn psi statisch ist? |
Zunächst, dass es keine ausgezeichnete Zeit gibt. Dann, dass vorhandene Variablen diese Rolle übernehmen können. Zuletzt, dass noch unklar ist, wie man diese identifiziert, denn das erfordert letztlich eine weitgehende Lösung des Problems.
Anhand eines einfachen Beispiels, und zunächst rein klassisch:
Wir starten mit dem Wirkung
x mit dem Impuls p sind vier Freiheitsgrade. N ist ein sogenannter Lagrange-Multipliklation, eine nicht-dynamische Variable, die einen Constraint, d.h. eine Zwangsbedingung erzeugt.
Die Euler-Lagrange-Gleichung für N lautet einfach
Der kanonische Ansatz führt auf den Hamiltonian für x,p
Dieser Hamiltonian reproduziert die kanonischen Bewegungsgleichungen; das ~ besagt, man darf H = 0 immer erst am ENde aller Rechnungenb verwenden. In der Quantenmechanik entspräche das
Nun wählt man die Zeitvariable
löst den Constraint
und findet den "deparametrisierten" bzw. "physikalischen" Hamiltonian
Das entspricht gerade der Energie-Impuls-Beziehung eines freien Teilchens.
Quantenmechanisch (mit der Konvention with ℏ = 1) liefert das
wobei letzteres der Klein-Gordon-Gleichung entspricht.
Ausgedrückt mittels des "physikalischen" Hamiltonians lautet diese
(wobei das auf die bekannten Probleme der Klein-Gordon-Gleichung führt, die erst in der Quantenfeldtheorie wirklich sinnvoll wird; aber das soll uns hier nicht kümmern).
Das ist eine Möglichkeit, wie aus einer Formulierung ohne Dynamik eine mit Dynamik werden kann. Ähnliches funktioniert auch für Spielzeugmodelle der Quantengravitation.
Neben technischen Fragestellungen, wie das in einer vollständigen Theorie mit unendlich vielen Freiheitsgraden funktionieren kann, gibt es aber noch ein fundamentales Probem: wenn wir nicht wüssten, dass wir das freie Teilchen vor uns hätten, wenn wir nicht die Bewegungsgleichungen bzw. die Klein-Gordon-Gleichung bereits kennen würden, wie würden wir dann auf diese Idee kommen? Anders formuliert, wie identifizieren und wählen wir in einer Theorie der Quantengravitation mit unendlich vielen Freiheitsgraden für Gravitationsfeld plus weitere Felder diejenigen Freiheitsgrade, die die Rolle der interne Uhr definieren, ohne dass wir das Ergebnis schon kennen? |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 05. Feb 2026 11:33 Titel: |
|
|
Wow, dass ist jetzt natürlich schon vom Verständnis her harte Kost und was sinnvolles kann ich dazu freilich nicht mehr beitragen.
Trotzdem habe ich dazu nochmal Fragen:
Wenn wir unendlich viele Freiheitsgrade haben, existieren diese dann auch in der Realität? Also ist dann die Realität unendlich schichtig aufgebaut? Oder wie ist dies zu verstehen?
Weiter: ist es überhaupt ein Problem, wenn Zeit so betrachtet durch diverse Mechanismen entsteht? Wir verstehen ja auch die Existenz makroskopischer Körper, welche aus mikroskopischen Teilchen bestehen.
Zudem: so wie ich den Wikipedia Artikel verstanden habe, sei es ja ein Problem, dass die Physik keine Ereignisse kennt. Aber wie soll man denn mittels Mathematik streng ein Ereignis deklarieren? Das erschließt sich mir nicht. Eigentlich ist es doch ein Ereignis, wenn ich zb einem Körper zu verschiedenen Zeiten verschiedene Orte, Energien, Kräfte usw. zuweisen kann. Oder was soll das Problem darstellen? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 05. Feb 2026 12:35 Titel: |
|
|
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Wow, dass ist jetzt natürlich schon vom Verständnis her harte Kost und was sinnvolles kann ich dazu freilich nicht mehr beitragen. |
Wo stehst du denn bzgl. Mathematik und Physik?
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Wenn wir unendlich viele Freiheitsgrade haben, existieren diese dann auch in der Realität? Also ist dann die Realität unendlich schichtig aufgebaut? Oder wie ist dies zu verstehen? |
Ja, diese existieren auch in der Realität, und das ist nicht mystisch oder so.
Klassisch zählt man Freiheitsgrade in 3 Dimensionen wie folgt:
3 Translationen in 3 untereinander orthogonaler Richtungen
3 Rotationen um 3 untereinander orthogonale Achsen
Macht zusammen 6.
Quantenmechanisch zählt man zunächst genauso, auch wenn es sich da nicht um Punktteilchen handelt. Bei den Rotationen passiert etwas überraschendes, man muss nämlich den Spin einführen, das funktioniert etwas anders. Im o.g. Beispiel betrachten für ein spinloses Punktteilchen in einer 4-dim. Raumzeit, d.h. zunächst haben wir 4 Translationen; der Constraint p² + m² = 0 "killt" aber einen davon, bleiben die bekannten 3 in 3 Raumdimensionen.
In einer Feldtheorie, z.B. für das elektromagnetiSche Feld, zählt man die Freiheitsgrade anders. Man betrachtet die Fourierreihe (sagt dir das was?) und kann einem Feld in einer Dimension auf präzise Weise unendlich viele Freiheitsgrade zuordnen, das sind im wesentlichen dessen Fourierkomponenten. Im Falle des elektromagnetischen Feldes liefert die Polarisation (die mit dem Spin verwandt ist) einen Faktor 2. Zunächst startet man mit 4 Feldern erhält aber Constraints so wie oben p² + m² ~ 0 sowie einen für N, d.h. von den 4 bleiben nur 2 physikalische Polarisationen (N habe ich in der obigen, sehr kurzen und keinesfalls exakten Skizze gar nicht mehr betrachtet).
Lange Rede kurzer Sinn: die unendlichen vielen Freiheitsgrade sind seit Maxwell das Brot-und-Buttergeschäft in der theoretischen Physik.
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Weiter: ist es überhaupt ein Problem, wenn Zeit so betrachtet durch diverse Mechanismen entsteht? Wir verstehen ja auch die Existenz makroskopischer Körper, welche aus mikroskopischen Teilchen bestehen. |
Nein, im Gegenteil, das ist wünschenswert. Die Allgemeine Relativitätstheorie lehrt uns, dass Koordonaten physikalisch bedeutungslos sind, und dass wir andere GHrößen betrachten müssen. Eine Koordinate t kann daher für sich betrachtet keine Bedeutung haben.
Das Problem ist, dass wir das nur für Spielzeugmodelle berechnen können. Wenn wir uns z.B. die Kosmologie anschauen, dann verwendet jeder die kosmologische Zeit t, also diese berühmten 13.8 Mrd. Jahre nach dem Urknall. Aber dieses t ist nur eine Koordinate, wir könnten das auch anders wählen, es hat keine Bedeutung diese steckt nämlich in der Zeitskala "Jahr". Dass diese Koordinate t eine Bedeutung in der Kosmologie erhält, liegt daran, dass sie mit dem Radius / der Größe / dem Skalenfaktor des Universums zusammenhängt, sowie mit der mittleren Materie- und Strahlungsdichte. In einer Theorie der Quantengravitation würden letztere die Rolle der kosmologischen Zeit übernehmen, d.h. wir würden nicht mehr sagen, Milchstraße und Virgo-Cluster sind 13.8 Mrd. Jahre nach dem Urknall 16.5 Mpc voneinander entfernt, sondern Milchstraße und Virgo-Cluster sind 16.5 Mpc voneinander entfernt, zu einem Zeitpunkt, als die mittlere Materiedichte ca. 2.6 · 10⁻²⁷ kg / m³ betrug. Das ist eine koordinatenfreie Aussage.
Was nun wirklich bräuchten, wäre die Beschreibung periodischer Prozesse wie Pendeluhren oder Orbits von Planeten im Rahmen der Quantengravitation. Hättenm wir das für ein reales System, so würden wir die Einheit "Jahr" loswerden, ein Prozess wie ein Pendel würde eine Zeit definieren (dabei geht es nicht um ein messtechnisch sinnvolles Zeitnormal, sondern um das Auftreten von Zeit überhaupt). Heute können wir das im Rahmen von Spielzeugmodellen der Quantengravitation, wobei wir unendlich viele Freiheitsgrade auf z.B. 2 (zwei!) reduzieren (1 für den Radius des Universums, 1 für die mittlere Materiedichte = 1 räumlich konstantes Materiefeld; oder meinetwegene noch ein paar Deformationsterme, sagen wir 2*3 = 6). Pendeluhren kann man damit schlecht beschreiben ...
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Zudem: so wie ich den Wikipedia Artikel verstanden habe, sei es ja ein Problem, dass die Physik keine Ereignisse kennt. Aber wie soll man denn mittels Mathematik streng ein Ereignis deklarieren? Das erschließt sich mir nicht. |
In der Feld- oder Quantenfeldtheorie wäre ein Ereignis z.B. durch einige Dichten gegeben, die innerhalb eines gewissen Zeitraumes innerhalb eines gewissen Bereiches sehr groß wären; das wäre z.B. die Kollision zweier Planeten oder zweier Elementarteilchen. In der ART wäre das ähnlich, in der Quantengravitation technisch unglaublich viel komplizierter, aber im Endeffekt ebenfalls wieder vergleichbar (vielleicht nicht nahe der Planckskala, aber in den Grenzfällen, die uns in der ART und QFTs zugänglich sind).
Du kannst getrost davon ausgehen, dass die Physik Ereignisse kennt. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 05. Feb 2026 16:27 Titel: |
|
|
| Zitat: | | Wo stehst du denn bzgl. Mathematik und Physik? |
Bin Ingenieur, allerdings liegt mein Studium nun auch schon ein paar Tage zurück. Das Mathematische ist allerdings nicht das Problem, aber Quantenmechanik hatten wir im Studium natürlich nicht.
| Zitat: | In einer Feldtheorie, z.B. für das elektromagnetiSche Feld, zählt man die Freiheitsgrade anders. Man betrachtet die Fourierreihe (sagt dir das was?) und kann einem Feld in einer Dimension auf präzise Weise unendlich viele Freiheitsgrade zuordnen, das sind im wesentlichen dessen Fourierkomponenten. Im Falle des elektromagnetischen Feldes liefert die Polarisation (die mit dem Spin verwandt ist) einen Faktor 2. Zunächst startet man mit 4 Feldern erhält aber Constraints so wie oben p² + m² ~ 0 sowie einen für N, d.h. von den 4 bleiben nur 2 physikalische Polarisationen (N habe ich in der obigen, sehr kurzen und keinesfalls exakten Skizze gar nicht mehr betrachtet).
Lange Rede kurzer Sinn: die unendlichen vielen Freiheitsgrade sind seit Maxwell das Brot-und-Buttergeschäft in der theoretischen Physik. |
Fourierreihe und Fouriertrafo sagt mir was und wurde damals sowohl in der Mathe als auch E-Technik Vorlesung (Signal und Frequenztechnik?) intensiv behandelt. Ist aber auch schon etwas her. Bis zu den maxwellschen Gleichungen ging es allerdings nicht...Maschinenbau halt.
Die Frage, die sich mir stellt: wenn alle unendlich vielen Freiheitsgrade Realität sind, enthält dann ein endlich Raumvolumen unendlich viele Informationen?
| Zitat: | | Nein, im Gegenteil, das ist wünschenswert. Die Allgemeine Relativitätstheorie lehrt uns, dass Koordonaten physikalisch bedeutungslos sind, und dass wir andere GHrößen betrachten müssen. Eine Koordinate t kann daher für sich betrachtet keine Bedeutung haben. |
Weil die Eigenzeit, also die Zeit, die eine Uhr anzeigt, zB von der Geschwindigkeit abhängt?
| Zitat: | In der Feld- oder Quantenfeldtheorie wäre ein Ereignis z.B. durch einige Dichten gegeben, die innerhalb eines gewissen Zeitraumes innerhalb eines gewissen Bereiches sehr groß wären; das wäre z.B. die Kollision zweier Planeten oder zweier Elementarteilchen. In der ART wäre das ähnlich, in der Quantengravitation technisch unglaublich viel komplizierter, aber im Endeffekt ebenfalls wieder vergleichbar (vielleicht nicht nahe der Planckskala, aber in den Grenzfällen, die uns in der ART und QFTs zugänglich sind).
Du kannst getrost davon ausgehen, dass die Physik Ereignisse kennt. |
Deshalb verstehe ich ja dieses kosmologische Paradoxon nicht. In der Mechanik kann ich doch auch einen inelastischen Stoß oder was auch immer auch erstklassig beschreiben. Und natürlich sieht man auch dort, wenn ich die Geschwindigkeitsverläufe auswerte, messerscharf ein Ereignis. |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 05. Feb 2026 22:26 Titel: |
|
|
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Die Frage, die sich mir stellt: wenn alle unendlich vielen Freiheitsgrade Realität sind, enthält dann ein endlich Raumvolumen unendlich viele Informationen? |
Rein mathematisch könnte es unendlich viel Information enthalten. Praktisch ist das aber nicht realisierbar.
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: |
| Zitat: | | Nein, im Gegenteil, das ist wünschenswert. Die Allgemeine Relativitätstheorie lehrt uns, dass Koordonaten physikalisch bedeutungslos sind, und dass wir andere Größen betrachten müssen. Eine Koordinate t kann daher für sich betrachtet keine Bedeutung haben. |
Weil die Eigenzeit, also die Zeit, die eine Uhr anzeigt, zB von der Geschwindigkeit abhängt? |
Eigenzeit ist irrelevant, solange wir nur Koordinaten betrachten. Und Koordinaten sind nur Rechengrößen d.h. nicht messbar.
| Hochseeangler hat Folgendes geschrieben: | | Deshalb verstehe ich ja dieses kosmologische Paradoxon nicht. |
Ich auch nicht. Vielleicht findet sich ja Literatur dazu. _________________ Niels Bohr brainwashed a whole generation of theorists into thinking that the job (interpreting quantum theory) was done 50 years ago. |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 05. Feb 2026 23:32 Titel: |
|
|
| Zitat: | Rein mathematisch könnte es unendlich viel Information enthalten. Praktisch ist das aber nicht realisierbar.
|
Jetzt muss ich leider nochmal nachhaken, da ich es nicht verstehe. Angenommen, ich habe einen Metallwürfel. Dieser besteht aus sehr vielen, aber dennoch einer endlichen Anzahl von Atomen. Wo bzw. wie kommen dort unendlich viele Freiheitsgrade her? Und wie sind sie mit entsprechenden Entitäten verstrickt? |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 06. Feb 2026 06:46 Titel: |
|
|
Schauen wir uns was einfacheres an, nämlich einen 1-dim. Hohlraumresonator. In diesem sind Eigenmoden zulässig, deren räumlicher Anteil der Form
genügt. Eine allgemeine Mode lautet dann
Kodieren wir Information bitweise, so würde "n-te Mode angeregt" dem n-ten Bit gleich Eins entsprechen, d.h.
Das selbe gilt für den quantenmechanischen 1-dim. Potentialtopf als einfachstes Modell eines Atoms.
Praktisch sieht das anders aus, denn der Potentialtopf hat nur eine endliche Tiefe und man erhält nur endliche viele Eigenmoden:
https://en.wikipedia.org/wiki/Finite_potential_well
Zuletzt bearbeitet von TomS am 06. Feb 2026 14:55, insgesamt einmal bearbeitet |
|
 |
Hochseeangler Gast
|
Hochseeangler Verfasst am: 06. Feb 2026 07:54 Titel: |
|
|
Hmn, so ganz verstehe ich es leider noch nicht.
Also nochmal zu den Fourierreihen und mein Wissensstand:
Ich habe diese im Studium insbesondere dazu genutzt, um in der Elektrotechnik verschiedene Funktionen (Rechteck-, Sägezahnimpuls usw.) zu modelieren.
Diese idealisierten Funktionen lassen sich ja durch Fourierreihen darstellen. Allerdings würde ich jetzt nicht den einzelnen Gliedern eine reale Bedeutung in der Realität zukommen lassen.
Ich kann mich zum Beispiel mit der passenden Fourierreihe dem Rechteckimpuls beliebig näheren (je nach welchem Glied ich später abbreche), ich würde allerdings nicht behaupten, daß die reale Rechteckschwingung aus unendlich vielen Komponenten besteht. Vielmehr kann sie damit beschrieben werden, was ja nicht heißt, daß hinter jeder Komponente der Schwingung eine physikalische Entität steckt. |
|
 |
TomS Moderator

Anmeldungsdatum: 20.03.2009 Beiträge: 21442
|
TomS Verfasst am: 06. Feb 2026 09:59 Titel: |
|
|
Jetzt mal ganz pragmatisch:
Du hast N Bits, von denen du n setzen möchtest. Du erzeugst zu Letzteren die entsprechenden Eigenmoden und überlagerst sie zu einem Signal. Das sendest du einem Empfänger. Der führt den umgekehrten Weg durch, d.h. er zerlegt das Signal in Eigenmoden und findet genau die n eingespeisten, d.h. die n gesetzten Bits. Insofern hast du Informationen übertragen. |
|
 |
|
|